Freitag, 30. November 2012

Das Fassungsvolumen des Pferdemagens

 
Aus aktuellem Anlass möchte ich mich heute diesem wichtigen Thema widmen.
Ich hatte gestern Abend einen Austausch mit einem anderen Blogbetreiber, der einen Artikel gepostet hat in dem behauptet wird der Pferdemagen hätte ein Fassungsvolumen von 15 bis 20 Liter. Er hatte diese Informationen natürlich nur übernommen.
Wie ich nachrecherchiert habe geben tatsächlich viele Internetseiten, die sich mit diesem Thema beschäftigen, dieses Fassungsvolumen an. Dies ist absolut unverantwortlich und sehr gefährlich.
Das tatsächliche Fassungsvermögen des Pferdemagens liegt je nach Größe des Tieres zwischen 5 bis 8 und maximal 15 bis 16 Litern. Dies ist ein immenser Unterschied, da viele Autoren die tatsächliche Höchstgrenze des Magenvolumens als unteren Wert angeben und eine Höchstgrenze nennen, welche sagenhafte fünf Liter über der tatsächlichen Höchstgrenze liegt.
Werden diese Angaben als Richtschnur von einem Laien übernommen und das Pferd anschließend entsprechend gefüttert, kann sich dies für das Pferd tödlich auswirken. Von damit einhergehenden unbeschreiblichen Schmerzen ganz abgesehen.
Das veterinärmedizinische Standardwerk: "Atlas der Anatomie des Pferdes - Lehrbuch für Tierärzte und Studierende - von Budras/Röck", welches auch zu meinen Standardwerken der Anatomie des Pferdes zählt, gibt ein Fassungsvermögen von 5 bis 15 Liter an. Auch andere veterinärmedizinische Werke für Tierärzte und Studenten nennen dieses Volumen.
Nur diverse Internetseiten von Nicht-Tierärzten und Nicht-Fachleuten geben das utopische Fassungsvolumen des Pferdemagens mit 15 bis 20 Litern an. Was hier als harmlose Untergrenze des Fassungsvermögens angegeben wird ist in Wirklichkeit die absolute Obergrenze. Dies ist sehr verantwortungslos und leichtfertig dem Pferd gegenüber.

Was passiert wenn diese Grenze nicht eingehalten wird?

Die Wand des Pferdemagens ist kaum dehnbar und wird durch eine starke Muskelschleife zur Speiseröhre hin abgeschlossen. Es handelt sich hierbei nicht um eine Klappe, wie es auch oft auf diversen Internetseiten behauptet wird, sondern um einen sehr starken Schließmuskel, ähnlich dem Afterschließmuskel. Dieser Muskel nennt sich M. sphincter cardiae. Besagter Muskel verhindert im Normalfall das Zurückfließen von Nahrungsbrei in die Speiseröhre und verschließt den Magen entgegen der Schluckrichtung. Der weitere Weg des Nahrungsbreies führt daher nur in eine Richtung - in Richtung Darm.
Wird nun unverhältnismäßig viel Kraftfutter gegeben und vom Pferd (das vielleicht sehr hungrig ist) auch gefressen, dann wird der Magen damit hoffnungslos überladen. Der Mensch - als auch Hunde und andere Säugetiere - würden in diesem Stadium einfach erbrechen und sich so der Überladung des Magens entledigen. Beim Pferd jedoch ist dies im Normalfall nicht möglich, da der starke Muskel M. sphincter cardiae den Nahrungsbrei daran hindert in die Speiseröhre zurückzufließen und den Magen in diese Richtung verschließt. Es kommt zu einer Überdehnung der Magenwand und folglich zur Zerreißung (Ruptur). Dieses Geschehen ist immer tödlich für das Pferd, da hilft auch keine Klinik mehr.
In seltenen Fällen kann das Pferd - entgegen der weitläufigen Meinung - auch erbrechen, was aber meist schon das Ende bedeutet. Genau wie der Afterschließmuskel in die entgegengesetzte Richtung überwunden werden kann, kann auch der M. sphincter cardiae überwunden werden. Es müssen aber unvorstellbare Kräfte (hoffnungslose Überladung und Überdehnung des Magens) vorhanden sein, um dies zu erreichen. Deshalb ist es, auch wenn das Pferd erbricht, mit hoher Sicherheit bereits zu spät. Zudem besitzt das Pferd, unabhängig vom genannten Schließmuskel, eine viel zu lange Speiseröhre (1,5 m), um problemlos zu erbrechen und die Muskulatur der Speiseröhre arbeitet nur in eine Richtung. Der Futterbrei bliebe in der Speiseröhre stecken.

Der altbekannte Spruch; Ich hab schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen, hat durchaus seine Berechtigung und zeigt die Aussichtlosigkeit der Situation an. Auch wenn das Pferd bei diesem Spruch sinnbildlich bereits vor der Apotheke (Klinik) steht, ist es dennoch zu spät.
Da der Mageneingang durch den genannten Muskel abgeschlossen wird und nicht durch eine Klappe, ist es dem Pferd auch möglich zu rülpsen, was leider in der heutigen modernen Pferdehaltung häufig vorkommt. Unsere heutigen Pferde haben oft Magenprobleme durch Übersäuerung und Fehlgärungen durch falsches Futter aber auch durch Stress, genau wie bei uns Menschen. Das Pferd versucht sich dieser Gase durch Rülpsen zu entledigen. Sollte dies bemerkt werden, ist es immer ein Alarmzeichen, dass mit dem Magen des Pferdes etwas nicht in Ordnung ist und entsprechende fachliche Hilfe ist zu konsultieren. Auch Pferde haben Magengeschwüre.
Ich möchte aus den oben genannten Gründen noch einmal dringlich darauf hinweisen, nicht alle Informationen aus dem Internet ungefragt zu übernehmen. Viele Laien mit Halbwissen tummeln sich auf dieser Plattform und nicht alle Informationen sind korrekt. In den meisten Fällen hat dies vielleicht keine dramatischen Auswirkungen, doch in diesem Falle sind sie verheerend für das Pferd.
Ich bitte alle Pferdebesitzer- und liebhaber, Angaben aus dem Internet sorgfältig zu überprüfen und notfalls mit einem Tierarzt oder einem anderen Fachmann/Fachfrau Rücksprache zu halten.

Kommentare:

  1. Hallo Frau Schmidt,

    Ihr Artikel ist wirklich sehr interessant und informativ!!

    Eine Frage hätte ich noch, wie ist das denn mit dem Magen und der Verfütterung von Heucobs? Die ergeben ja eine ziemliche Masse, wenn sie aufgequollen sind.

    Mein Traber ist schon 26 und verwertet sein Heu so langsam schlechter, damit er er sein Gewicht hält bekommt er 3× täglich je 1kg eingeweichte Heucobs.

    Was pro Mahlzeit einen guten halben 5 Liter Eimer füllt.
    Kraftfutter in Form von Getreide bekommt er nicht...

    Wir haben kleine Probleme wie Stahlfäule und Korwasser, aber keine ersichtlichen Magenprobleme.

    Nun gut langer Text....wie ist das mit der Menge der eingeweichten Heucobs? Überfüllen die den Magen???? Gibt es da Grenzwerte?
    Seine 8 Kg Heu frisst er am Tag noch dazu Ca.

    Ich würde mich sehr über eine Antwort freuen und bin wirklich gespannt ;-)

    Liebe Grüsse
    Tanja

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  2. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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